Blickfang 2016 / Interview Darius Ramazani

20.01.2017    

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WERTE SCHÄTZEN, COMMUNITY BILDEN

VON DARIUS RAMAZANI // FOTOGRAF // BERLIN

Immer wenn ich mir Fotos von meinem Projekt „Berliner Köpfe“ anschaue, fühle
ich mich sowohl bescheiden als auch hoffnungsvoll. Die freie Arbeit entstand in
Zusammenarbeit mit einem Projekt, das Arbeitslose bei der Eingliederung in den
Arbeitsmarkt unterstützt. Durch eine bewusste Reduktion auf das Wesentliche, in
diesem Fall auf die Menschen mit einer bewegten und schicksalhaften Biografie,
entstanden kraftvolle und aussagestarke Aufnahmen. Die Personen arbeiten zum
Teil für einen Euro in der Stunde und sind trotzdem dankbar, wieder am Leben
und an der Gesellschaft partizipieren zu können. Das lässt mich nachdenken, über
unsere Gesellschaft, über Arbeit, über soziale Verantwortung.
Die Arbeitsbedingungen für Fotografen, auch wenn sie nicht zu vergleichen sind
mit denen der „Berliner Köpfe“, das wäre vermessen, haben sich in den letzten
Jahren immer stärker verändert und in vielen Fällen verschlechtert. Das ist nichts
Neues und hinlänglich bekannt, doch erfolgsversprechende Lösungen bleiben bisher
zum größten Teil aus. Der Wandel in der Branche hat zur Folge, dass zum Beispiel
die Vorfinanzierung zum großen Problem von Fotografen geworden ist, vor
allem in der Autoindustrie. Hier muss ein Bewusstsein geschaffen werden, dass es
den meisten Fotografen nicht möglich ist, mehrere zehntausend Euro über Monate
hinweg auszulegen.


ES IST DAHER AN DER ZEIT, NEUE WEGE DER WERTSCHÄTZUNG ZU FINDEN:
DENN WER PROFESSIONELLE ARBEIT UND HOHE QUALITÄT EINFORDERT,
DER MUSS NICHT NUR AUSREICHEND BEZAHLEN, SONDERN AUCH LEISTUNG RESPEKTIEREN.
FOTOGRAFEN MIT LANGJÄHRIGER ERFAHRUNG UND PROFESSIONELLEN TEAMS GIBT ES NUN MAL
NICHT ZU DISCOUNT-PREISEN.

Können wir als Einzelkämpfer, die die meisten freien Fotografen ja nun mal sind,
das überhaupt ändern?
Seit diesem Jahr sitze ich im BFF-Vorstand. Die Arbeit im Berufsverband Freie Fotografen
und Filmgestalter hat mich neu aufgeladen und nochmals erkennen lassen,
wie notwendig es ist, dass unsere Berufsgruppe sich gemeinschaftlich positionieren
muss. Wir müssen uns für Bedingungen einsetzen, die die Qualität unserer
Arbeit sichern und den Nachwuchs fördern. Auch wenn wir als freischaffende Fotografen
meistens unser eigenes Ding machen, sollten wir als Teil einer Berufsgruppe
an einem Strang ziehen, ohne Konkurrenzdenken und Eitelkeiten. Die Miete
muss bezahlt, die Familie versorgt und an die Rente sollte auch gedacht werden.
Als Community können wir mehr erreichen. Der BFF setzt sich für die Anliegen
unserer Mitglieder ein, nutzt das Netzwerk mit all seinen Facetten und stärkt
den Teamgeist der Community. Das alles schaffen wir durch regen Austausch der
Mitglieder, gemeinsame Ausstellungen, die jeder einzelne Fotograf nicht hätten
stemmen können, durch Roadshows mit Vorträgen an Universitäten und Fachhochschulen
und der Teilnahme an verschiedenen Fotofestivals. Seit mehr als 45 Jahren steht
der BFF für Qualität in den Bereichen Fotografie und Bildgestaltung.
Das sollten wir nutzen.
Immer wenn ich mir Fotos von meinen Arbeiten mit älteren Menschen anschaue,
fühle ich mich sowohl respektvoll als auch zuversichtlich. Der Umgang mit älteren
Menschen ist nicht nur zu einem großen persönlichen Anliegen, sondern auch zu
meinem professionellen Steckenpferd geworden. Authentische Gesichter fernab
von Schönheitsmaßstäben, die das Leben geschrieben haben, in all ihrer Schönheit
und Glanz. Hinter jeder Lachfalte, jedem Altersfleck und grauem Haar steht
eine Geschichte, über die der Betrachter mehr erfahren möchte.
Der Austausch zwischen Alt und Jung ist ein wichtiger Teil in der Verbandsarbeit
des BFF. Der Fotograf mit vierzig Jahren Erfahrung lässt sich vom wilden Nachwuchs
inspirieren. Und natürlich auch andersrum. Hier erfahren die alten Hasen
die Bedeutung eines Instagram-Accounts mit zwanzigtausend Followers und die
neuen Talente profitieren vom Wissens- und Erfahrungsschatz der Etablierten. Der
Austausch setzt Synergieeffekte frei. Tradition trifft auf Zeitgeist. Und daher haben
auch wir uns im Verband geöffnet: Unser Augenmerk liegt heute nicht mehr nur
auf der klassischen Fotografie. Ebenso kümmert sich der Verband um die kreativen
Möglichkeiten der neuen Bildmedien und seit neuestem auch der Filmgestaltung.

Immer wenn ich Fotos von meinen Arbeiten mit körperlich eingeschränkten Menschen
anschaue, bin ich sowohl voller Bewunderung als auch optimistisch. Mit wie
viel Lebensenergie diese Menschen ihr Leben bestreiten, beeindruckt mich immer
wieder aufs Neue. Künstliche Ernährung, Inkontinenz oder Insulinpumpen halten
sie nicht ab, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Verantwortung über sein
Leben und Schicksal zu übernehmen, das haben mir diese Menschen mit ihren
Lebensgeschichten gezeigt. Ihre Motivation hat mich inspiriert.

Ohne anmaßende Vergleiche ziehen zu wollen, aber es gefällt mir, sich der eigenen
Verantwortung bewusst zu machen und diese zusammen in der Community zu
vertreten.

Es geht schließlich um unsere Profession, die wir mit viel Leidenschaft und Kreativität
betreiben und von der wir und unsere Teams leben möchten.